Entschuldigung, darf man hier cybern?

Wörter, die mit „Cyber“ anfangen, sind in IT-Kreisen in etwa so beliebt wie ihre optischen Äquivalente, die Cyber-Stockphotos (hier ein besonders schönes Exemplar von der Webseite des FBI):

Cyber

Warum haftet jedem Wort, das mit „Cyber“ anfängt, dieses unappetitliche Buzzword-Aroma an?

Eigentlich beginnt die Geschichte von „Cyber“ überaus respektabel, nämlich im alten Griechenland. Dort bezeichnete „kybernetes“ den Steuermann eines Schiffes. Mit einem Umweg über das englische „cybernetics“ fand das Wort dann Eingang ins Deutsche, als „Kybernetik“, die Wissenschaft von der selbsttätigen Regelung und Steuerung von Systemen. „Kybernetik“ tauchte in den 1950ern im Deutschen auf.

Da ist die Geschichte allerdings noch nicht zu Ende, denn es heißt ja heutzutage „Cyberspace“ und „Cyberwar“, nicht „Kyberspace“ und „Kyberwar“. Letzteres hätte auch nicht die gleiche Bedeutung, denn „Kyber“ bezieht sich ja auf Regelungssysteme – also auf etwas, das immer eine anfassbare Komponente hat – während „Cyber“ Systeme und Erscheinungen bezeichnet, die (fast) komplett virtuell sind. Und diese Bedeutung hat „cyber“ auch im Englischen erst in den 1970ern bekommen – dort tauchte es im Zusammenhang mit computergenerierter Kunst auf, als „cyberart“ und „cybersphere“. Die Frühgeschichte von „cyber“ in noch größerer Detailtiefe hat Anatol Stefanowitsch schon 2011 auf seinem Blog nachgezeichnet.

Das bis heute gängigste Cyberwort – der „Cyberspace“ – wurde schließlich von Sci-Fi-Autor William Gibson im Jahr 1982 in seiner Kurzgeschichte „Burning Chrome“ erfunden, und in seinem Roman „Neuromancer“ folgendermaßen definiert:

„A graphic representation of data abstracted from the banks of every computer in the human system. Unthinkable complexity. Lines of light ranged in the nonspace of the mind, clusters and constellations of data. Like city lights, receding.“

(Wenn man sich das bildlich vorstellt, ist man fast wieder beim obigen Kunstwerk des FBI, aber das konnte Gibson ja nicht voraussehen.)

Über 30 Jahre und hunderte von Filmen und Serien über gute und böse Hacker später sind wir dann beim jetzigen Stand: Jene, die im Cyberspace arbeiten, meiden das Wort und alle seine Verwandten wie die Pest – außer zu humoristischen Zwecken.

Cyber Weapon

Oder, wie es Twitter-User @robertmain_ ausdrückte:

As soon as someone uses the term „Cyber“ – I instantly stop taking anything that person says seriously.

Die Frage ist nur: Tun wir uns mit der Vermeidung dieses Begriffs einen Gefallen, wenn es um die Kommunikation mit Nutzern geht?

Die britische Soziologin Dr. Jess Barker – ihres Zeichens Infosec-Beraterin und stolze Besitzerin der Domain cyber.uk – sagt: Nein. Sie hat zwei Umfragen durchgeführt: Eine unter Infosec-Professionals und eine in der britischen Allgemeinbevölkerung, jeweils, um die Beliebtheit von verschiedenen Synonymen für Informationssicherheit zu ermitteln. Das Ergebnis hat sie in einem Blogartikel unter der schönen URL cyber.uk/cyber zusammengefasst.

Nämlich: Während nur 23% der Infosec-Professionals das Wort „Cybersecurity“ verwenden (häufigste Antwort, mit 52%, war „Information security“), war „Cybersecurity“ gleichzeitig das geläufigste Wort in der Allgemeinheit. 34% verstanden, das „Cybersecurity“ sich auf den „Schutz vor Hackerangriffen und anderem Datenverlust“ [meine Übersetzung] bezieht. „Information security“ verstanden die wenigsten: Nur 10%. Dazwischen lagen „Data security“, „IT security“ und das mehr oder weniger frei erfundene „E-security“.

Sind diese Ergebnisse auf den deutschen Sprachraum übertragbar?

Eine Suche nach „Informationssicherheit“ liefert bei Google 658.000 Treffer, für „Cybersicherheit“ nur 203.000. Eine Suche bei Google News zeigt, dass in der Laienpresse deutlich mehr „gecybert“ wird als in der Fachpresse. Da in ersterer vor allem über Gefahren und Zwischenfälle berichtet wird, kommen Begriffe wie „Cyberkriminalität“ (378.000 Treffer) häufiger vor als das mit der Vorbeugung von Zwischenfällen assoziierte „Cybersicherheit“. Nichts ist bekanntlich so tödlich für die Aufmerksamkeit von Lesern und Zuhörern wie gute Ratschläge zur Vermeidung von wenig anschaulichen Gefahren – davon kann jeder Hausarzt ein Lied singen.

Nachteil des Begriffs „Cybersicherheit“: Die analoge Komponente der Informationssicherheit ist hier nicht mitgedacht, also der Faktor Mensch. Auch bekannt als „Faktor Laptop-in-der-Bahn-vergessen“ und „Faktor Ich-dachte-das-wäre-der-Netzwerktechniker“.

Was denken Sie? Cyber ja oder nein?

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