Erste Hilfe bei psychologischen Belastungen – Interview mit dem Startup Selfapy

An gewisse Wartezeiten auf Facharzttermine sind Patienten im deutschen Gesundheitswesen durchaus gewöhnt. Prekär kann es werden, wenn eine psychologische Intervention angezeigt, der nächste freie Therapieplatz aber erst in einem Dreivierteljahr zu bekommen ist. Hier setzt das Startup Selfapy mit seinem Online-Angebot an.

Wie entstand die Idee, Selfapy zu gründen?

Die Idee, Selfapy zu gründen entstand im Sommer 2014. Damals lernten sich die Gründerinnen Nora Blum und Katrin Bermbach während des Psychologiestudiums an der Cambridge University in England kennen. Ein Thema, welches die angehenden Psychologinnen besonders beschäftigte, war die lückenhafte psychologische Versorgung in Deutschland.

Vor allem der Mangel und die langen Wartezeiten auf einen Psychotherapieplatz stellen eine viel zu große Belastung für Menschen mit psychischem Leiden dar. Dieses Zitat tweeten

Hier kam die Idee zu Selfapy: Ein online-basiertes Selbsthilfeprogramm, welches das Ziel hat, Menschen möglichst schnell, anonym und langfristig helfen zu können. Die Nutzer werden während des Programms mit wöchentlichen Telefonaten mit einem der Selfapy Psychologen unterstützt.

Psychologische Beratung online – widerspricht sich dies nicht mit dem therapeutischen Ansatz? Wie wird eine individuelle Betreuung sichergestellt?

Zahlreiche Studien belegen mittlerweile die Wirksamkeit und Nachhaltigkeit der psychologischen Online Beratung. Als besonders hilfreich erweisen sich Online Programme, die, wie Selfapy, auf Methoden der kognitiven Verhaltenstherapie basieren und in denen die Online Kurse durch psychologische Gespräche per Telefon oder Chat ergänzt werden. Das heißt, der Nutzer durchläuft den Online Kurs nicht allein, sondern in Begleitung eines Psychologen.

Wie werden die Klienten auf Selfapy aufmerksam und was sind – kurz formuliert – Gründe, warum sich Klienten dann für Selfapy entscheiden?

Die meisten Nutzer finden uns durch die Suche im Internet oder durch Empfehlungen anderer ehemaliger Nutzer. Die psychologische Online Beratung bringt natürlich Vorteile mit sich, aufgrund derer sich Nutzer dann letztendlich für das Selfapy Programm entscheiden. Vor allem die örtliche und zeitliche Unabhängigkeit ist ein großer Faktor. Desweiteren bieten wir Soforthilfe an, das heißt, der Nutzer kann direkt mit dem Programm starten, ohne Wartezeit und auf Wunsch anonym. Durch die Wochenübungen kann der Nutzer täglich an seinem Wohlbefinden arbeiten.

Erfolgt eine Reaktion seitens Selfapy, wenn ein Online Kurs nicht (weiter) bearbeitet wird? Wie hoch ist die „Abbrecherquote“ und sind Ihnen Gründe bekannt, warum das Angebot nicht abschließend wahrgenommen wird?

Sobald wir merken, dass Nutzer den Kurs pausieren, schicken wir eine kleine Erinnerung. Die meisten Nutzer nehmen sich ausreichend Zeit, um das Programm zu bearbeiten. Dies ist die beste Voraussetzungen für eine dauerhafte Symptomreduktion. Natürlich gibt es auch Nutzer, die nach Beginn des Online Programmes merken, dass eine Online Intervention nicht passend für sie ist. Dies kann verschiedene Gründe haben: der Umgang mit der Technologie oder der Wunsch nach engerer Betreuung. Generell kann man aber sagen, dass die Abbrecherquote sehr gering ausfällt, was uns natürlich sehr freut.

Verschiedene Krankenkassen haben Selfapy als Angebot aufgenommen. Wie sind hier die Erfahrungen und sind weitere Kooperationen geplant?

Wir freuen uns sehr über die gute Zusammenarbeit mit den Krankenkassen. Viele Versicherte nehmen das Selfapy Angebot dankend an. Durch die Kostenübernahme der Krankenkasse stellen wir ein sehr niedrigschwelliges Angebot dar, was für viele Betroffene eine echte Hilfe sein kann. Wir hoffen natürlich, bald mit noch mehr Krankenkassen kooperieren zu dürfen, denn Gesundheit sollte nicht vom Geldbeutel abhängig sein.

Selfapy wird auch für Firmen angeboten. Wird dieses Angebot angenommen, insbesondere von den Mitarbeitern? Wie stellen Sie dabei sicher, dass keine Rückschlüsse auf einzelne Mitarbeiter erfolgen können, da ja ein monatliches Reporting an das Unternehmen erfolgt?

Viele Unternehmen legen mittlerweile großen Wert auf ein gutes betriebliches Gesundheitsmanagement. Hier hilft Selfapy vor allem bei den psychischen Belastungen. Die Mitarbeiter absolvieren das Programm anonym, das heißt, dass keine Rückschlüsse auf Mitarbeiter erfolgen. Die Personalabteilung, beziehungseise Chefs, haben keinen Zugriff auf einzelne Daten oder Auswertungen. Selfapy stellt lediglich eine anonymisierte Evaluation, welche wichtig ist, um spätere Maßnahmen für die Gesundheit der Mitarbeiter einleiten zu können.

E-Health und Digitalisierung im Gesundheitswesen sind aktuelle Themen. Wo sehen Sie Ihr Angebot in diesem Kontext?

Der Einsatz moderner Kommunikations- und Informationstechnologien im Gesundheitswesen kann ganz neue Möglichkeiten schaffen. Zum Beispiel können bestehende Lücken in der psychotherapeutischen Versorgung geschlossen werden. Dies würde eine enorme Verbesserung der Wartezeiten für Patienten bedeuten. Viele Studien bestätigen bereits die positive Einstellung Betroffener gegenüber E-Health-Anwendungen. Andere Länder gehen hier mit gutem Beispiel voran. Sogenannte Online Therapien sind in den skandinavischen Ländern mittlerweile gang und gäbe. 

Die 3 wichtigsten Vorteile von Selfapy sind…?

Nutzer können das Selfapy Programm anonym und sofort starten, sind zeitlich und örtlich flexibel und werden von erfahrenen Psychologen per Telefon begleitet.

Abschließend noch eine Frage zu den Zukunftsplanungen: Wo steht „Selfapy“ mittelfristig, also in 3-5 Jahren.

Generell erhoffen wir uns einen Wandel im Gesundheitssystem, der die Versorgungslücke psychisch erkrankter Menschen schließt. Seit der Gründung von Selfapy haben wir bereits vielen Betroffenen geholfen, die zum Beispiel auf den Beginn ihrer ambulanten Therapie gewartet haben und diese Zeit sinnvoll überbrücken wollen. Wir erhoffen uns auch in Zukunft viele Menschen in Krisenzeiten durch unsere Kurse schnell und wirksam unterstützen zu können.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

 


Noch eine Anmerkung zum Schluß: Wie immer gilt auch für dieses Interview, dass es nicht von Selfapy gesponsert wurde, sondern wir im Rahmen unserer Interviewreihe auf Selfapy zugegangen sind.

 

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