Neulich… auf der MEDICA

Hi, hier ist schon wieder – Gudrun. Diesmal früher als gewohnt ein neuer Beitrag von mir – es gibt nämlich einen aktuellen Bericht zur MEDICA, die wir in der letzten Woche besucht haben.

Round Table beim KKC mit dem matrix digital health team

Nach gut 2 Stunden Anfahrt und Transfer mit dem Shuttle-Bus war ich durchaus froh, um 9.59 Uhr endlich am Messeeingang zu stehen. Mein erster Eindruck: Die Bezeichnung weltgrößte Medizinmesse verdient die MEDICA durchaus. Und weltoffen ist sie ebenso: Im Foyer herrscht ein Sprachengewirr. An einem Tag einen Überblick über die ganze riesige Messe zu bekommen ist nahezu unmöglich. Mein Ziel war daher von vornherein klar: Halle 15 – das Health-IT Forum – mit dem Schwerpunktthema Informations- und Kommunikationstechnik.

Und auch hier gab es einen klaren Anlaufpunkt: Den Stand des KKC (Krankenhaus Kommunikations Centrum), und hier der Round Table zum Thema „Digitale Gesundheit im ländlichen Raum„, ein gemeinsames Projekt von Organisator Frank Stratmann, sowie von der matrix und uns – zusammen dem matrix digital health team.

Digitale Gesundheit im ländlichen Raum

Round Table MEDICA 2017
Round Table auf der MEDICA 2017 – unter anderem mit dem matrix digital health team und Frank Stratmann

Digitale Gesundheit im ländlichen Raum: Ein Thema, über das ich, die ich in einer Großstadt im Ballungsraum Ruhrgebiet lebe, mir bisher keine großen Gedanken gemacht habe. Bei näherer Betrachtung wird mir allerdings klar, dass es in vielen dünn(er) besiedelten Gebieten Deutschlands ganz anders mit der medizinischen Versorgung aussieht, als ich es an meinen Wohnort kenne. Mir fallen zum Beispiel meine geliebten Urlaube an den Küsten in Niedersachsen und Schleswig-Holstein ein. Allzu viele Krankenhäuser, medizinische Versorgungszentren (MVZ) oder Fachärzte finden sich dort nicht. Und ja, man hört in den Medien immer wieder davon, dass die Landärzte keine Nachfolger finden und die medizinische Versorgung daher immer mehr zu einer Herausforderung wird.

Bisher benötigte ich im Urlaub noch niemals medizinische Hilfe. Erfreulicherweise. Was aber wäre, wenn ich dort als chronisch kranker Mensch, 75-Jährige oder mit zwei kleinen Kindern leben oder urlauben würde? Wie würde ich meine Versorgungslage dann beurteilen? Und was würde ich mir wünschen? 42 km Anfahrt zum nächsten Krankenhaus (alternativ: Facharzt) sicher nicht… Spannend also die Frage, der der Round Table nachging: Welche Zukunftskonzepte kann es für den ländlichen Raum geben?

Ich nehme als erstes aus der Runde mit, dass es sich bei dem Thema Digitalisierung der medizinischen Versorgung im ländlichen Raum um ein großes Entwicklungsfeld handelt. Unbedingt vermieden werden soll ein weiterer Rückzug von medizinischer Kompetenz aus dem ländlichen Raum. Im Gegenteil: Nach den Erfahrungen aller Gesprächsteilnehmer steigt die Nachfrage dort eher. Das Problem dabei: Die Effizienz für die Patienten und für die Anbieter medizinischer und pflegerischer Leistungen.

Gegen den Ärztemangel

Warum Entwicklungsfeld? Durch den insbesondere in den ländlichen Bereichen bestehenden Ärztemangel kann eine verstärkte und intelligente Digitalisierung die medizinische Kompetenz besser und ortsunabhängig in die Fläche bringen.

Kurzer Exkurs: Gründe für den Ärztemangel gibt es vielfältige. Angerissen wurden von den Teilnehmern der Gesprächsrunde die geringe Attraktivität einer Tätigkeit für junge, gut ausgebildete Mediziner im ländlichen Raum, was etwa an veralteter Technik der Landarztpraxen (die häufig von älteren, wenig technikaffinen Kollegen geführt werden) sowie dem zunehmenden Wunsch der jungen Ärzte nach Vereinbarkeit von Beruf und Familie (Arbeitszeit planbar machen!) liegt. Monetäre Faktoren spielen sicher auch eine Rolle, aber nicht unbedingt die wichtigste. Prämien oder Fördergelder, um junge Ärzte für eine Tätigkeit auf dem Land zu begeistern, greifen daher zu kurz. „Zeit sparen“ ist neben Effizienz ein Begriff, der im Zusammenhang der Digitalisierung immer wieder genannt wird. Aber lässt sich durch Digitalisierung wirklich Zeit sparen? Und wenn ja, wie?

Videosprechstunde zu Hause und in der Gemeinde

Seit dem 1.4.2017 gibt es offiziell eine Videosprechstunde, die von den Krankenkassen bezahlt wird. Sie hat sich aber noch nicht flächendeckend durchgesetzt: Die technischen Voraussetzungen müssen erst einmal geschaffen werden, und die Bezahlung lässt zu wünschen übrig.

Und wollen das die Patienten? Oder vielleicht bestimmte Patientengruppen? Denn: Interessant in diesem Zusammenhang sind die Aussagen der Mediziner – auch der Krankenhausvertreter – dass soziale Kontakte beim Gang zum Arzt eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen. Gerade im ländlichen Bereich trifft man sich erfahrungsgemäß gern beim Doktor (oder zu meiner Überraschung sogar in der Notaufnahme der Krankenhäuser!) und tauscht sich aus. Doch halt …vorstellen kann ich mir das schon, denn wenn ich meine Hausärztin mal besuchen muss, bin ich immer wieder überrascht über die Begeisterung, mit der Menschen dort intensive Schwätzchen halten. Es geht also auch um Kommunikation und Kontakt.

Health Kiosk mit Café

Ein sehr komplexes Themengebiet. Wie dem nun begegnen? Die Idee des matrix digital health teams: Ein Gemeindetreffpunkt, der mehrere Bedürfnisse der Landbevölkerung gleichzeitig erfüllt. Er kann als Ort der Begegnung dienen, als Treffpunkt, der in die Dörfer gebracht wird. Er hält die technischen und personellen Voraussetzungen vor, um Telemedizin sowohl selbst wie auch unter fachlicher Anleitung von beispielsweise einer MFA (Arzthelferin) zu nutzen und von dort aus mit seinem Arzt zu kommunizieren.

Denkbar ist ein solches Konzept als erste Anlaufstelle bei leichteren Beschwerden oder z.B. für die regelmäßige Blutdrucküberwachung, Blutzuckermessungen und andere Routine-Checks – diese können mit einem sogenannten Health Kiosk sogar automatisiert werden. Hierbei handelt es sich um Selbstbedienungsgeräte, die eigenständig die Vitalzeichen kontrollieren. Kombiniert mit ergänzenden Angeboten wie einem kleinen Café-Bereich und Kinderspielplatz wird der Health-Kiosk Teil eines Gesundheits-, Kontakt- und Treffpunktes, eines „Point of Care“. Natürlich immer unter Beachtung der gebotenen Diskretion – etwa mit abgetrennten Räumen für die Videosprechstunde.

Digitalisierung nicht als Zuwendungsersatz

Festzuhalten bleibt: Telemedizin und Digitalisierung der medizinischen Versorgung soll nicht als Ersatz für die klassische Medizin oder die persönliche Zuwendung durch den Arzt dienen, sondern als Ergänzung – beispielsweise in der Früherkennung oder Überwachung von bestehenden Erkrankungen. Intelligente Ansätze können dabei Zeit und Ressourcen sparen sowie vorhandene Kompetenzen zielgerichtet einsetzen, die dann an anderer Stelle Freiräume für den Arzt schaffen, die er zum Wohle seiner Patienten einsetzen kann. Nebenbei kann eine solche Versorgung auch zu einem guten Gefühl bei den Patienten beitragen. Hier denke ich an das Stichwort „aufgehoben sein“. Die Digitalisierung wird die Gesundheitsbeziehung wandeln. Sie kann es zumindest. Und das erfolgreich, wenn kulturelle, kommunale und genossenschaftliche Prinzipien, die gerade eine Renaissance erleben, dabei ebenso einbezogen werden medizinische Belange.

Offene Fragen zur Gesundheitsversorgung auf dem Land

Viele Fragen sind natürlich in diesem Zusammenhang offen und konnten von der Diskussionsrunde nur angesprochen werden. Und immer ging es neben dem „Was?“ um das „Wie?“. Wie können Konzepte in die Breite gebracht werden? Sind die Patienten bereit und fit für Telemedizin? Stichwort: Patienten-Empowerment. Wer vermittelt die notwendige Kompetenz, die eine Grundvoraussetzung auch auf Patientenseite für die Digitalisierung darstellt? Ist das eine öffentliche Aufgabe?

Wie muss die Ausbildung der medizinischen Assistenzberufe verändert bzw. ergänzt werden? Wie sieht es mit einer Standardisierung von Verfahren aus? Wie ist eine intelligente Vernetzung der einzelnen Gesundheitsdienstleister, auch der Pflegeeinrichtungen und MVZ, möglich? Wie kann der Datenschutz gewährleistet werden? Wie lässt sich der Tatsache, dass es sehr heterogene Patientengruppen gibt und somit ein einziges, monolithisches System nicht passen wird, begegnen? Wer trägt die Kosten und unter welchen Voraussetzungen? Lassen sich vor Ort für die Realisierung Partner (z.B. Unternehmen) finden…?

Die Liste ließe sich noch deutlich verlängern. Klar ist: Das Spektrum der Digitalisierung in der Gesundheitsversorgung auf dem Land ist breit, und das Thema ist komplex. Und sollte baldmöglichst angegangen werden.

Intensive Gedanken zu diesen und weiteren Fragestellungen, Herausforderungen, Möglichkeiten und Lösungsansätzen hat sich das matrix digital health team, eine Kooperation der matrix GmbH und uns, der Serapion Beratung und Fachredaktion, gemacht.

Daher hier ganz zum Schluss ein Aufruf – sozusagen auch in eigener Sache: das matrix digital health team versteht sich als Sparrings-Partner und Berater für die unterschiedlichsten Fragestellungen rund um das Thema „Digitalisierung im ländlichen Raum“. Kontaktaufnahme ist ausdrücklich erwünscht. Zukunftsgestaltung funktioniert am besten im Dialog. Wenn Sie das Thema beschäftigt, Sie womöglich ein eigenes Projekt starten wollen, hier ihre Ansprechpartner aus dem matrix digital health team:

Dr. Christina Czeschik (Serapion)

Dr. Anna Czeschik (matrix)

Bis zum nächsten Mal, hier bei „Neulich…“!

P.S.: Wegen eines Bugs in der neuesten WordPress-Version erscheint dieser Beitrag leider ohne Bilder. Wir reichen sie aber nach! 🙂