Interview: Notfälle spielerisch trainieren mit Serious Games

Wenn Fachkräfte im Gesundheitswesen einmal im Jahr die Reanimation an Puppen trainieren, aber nach zwei Monaten schon wieder die ersten Inhalte des Trainings vergessen…

… dann besteht dringender Verbesserungsbedarf.

Andererseits kann man die Mitarbeiter*innen auch nicht „dauernd mit Trainings von der Arbeit abhalten“. Also was tun?

Hier können sogenannte Serious Games helfen – Spiele, die (unter anderem) zum Zweck der medizinischen Aus- und Weiterbildung entwickelt wurden.

Ein Interview mit Lucia Pannese, Geschäftsführerin des italienischen KMU imaginary s.r.l., das kürzlich im General Hospital von Singapur ein Spiel ausgerollt hat, mit dem die Wiederbelebung von Säuglingen trainiert werden kann.


Hallo Lucia und danke, dass Du Dich zum Interview bereit erklärt hast!

Erste Frage: Wie seid Ihr auf den Bereich neonatale Wiederbelebung gekommen? Wer oder was gab den Anstoß dazu?

Das Singapur General Hospital hat uns danach gefragt: Sie hatten das Problem, dass Prozesse in der neonatalen Wiederbelebung sehr kompliziert sind und nicht ständig wiederholt und abgearbeitet werden. Die Fachkräfte werden im Simulationsraum mit Puppen trainiert, aber schon nach zwei Monaten fangen sie an, Teile des Trainings wieder zu vergessen.

Außerdem ist der Raum sehr teuer, und man kann die Fachkräfte (ca 2.300 in diesem Fall) auch nicht dauernd mit Trainings von der Arbeit abhalten, um Kompetenzen aufzufrischen. Somit wollte das Hospital ein Simulationsspiel, das die Mitarbeiter auch beliebig auch von zu Hause spielen können.

Lässt sich das Spiel auf verschiedene Stationen anpassen? So dass die Umgebung im Spiel der Umgebung im jeweiligen Krankenhaus ähnlich sieht?

Das ist eigentlich nicht so wichtig: Eine Notfallstation sieht normalerweise in etwa so aus, wie wir sie aufgezeichnet haben. Wichtig sind die Maschinen und die Instrumente, die man zur Verfügung hat, und diese sind immer gleich. Sollte aber ein Krankenhaus aus bestimmten Gründen grafische Anpassungen im Spiel haben wollen, so wäre dies durchaus möglich.

Gibt es weitere praktische Erfahrungen in anderen Ländern als Singapur?

Zur Zeit noch nicht, unsere Spiele sind sehr neu. Ein anderes Trainingsspiel, das Transfusionsgame, wird gerade von unserem Partner in Indien mit 3.000 Krankenschwestern getestet.

Wie oft sollten Mitarbeiter dieses Spiel wiederholen, um im Ernstfall gerüstet zu sein?

Es kommt drauf an: Zum Teil gibt es gesetzliche Verpflichtungen, so muss im Falle der Wiedererlebung das Training mindestens einmal pro Jahr durchgeführt werden, laut Vorgaben der ILCOR. Was im Ernstfall eben zu wenig ist…

Im Falle der Bluttransfusion mussten alle Krankenschwester bis März 2019 geschult werden, aber mit einem traditionellen Training war das nicht machbar. Daher kam das Krankenhaus auf die Idee, unsere Lösung einzusetzen.

Blood Transfusion Game

Gab es auch schon negatives Feedback von Spielern? Wenn ja, welches, und was antwortet Ihr darauf?

Wenig, aber ja: Einige meinten, das Spiel sei nicht lustig genug – dies beruht aber auf einem Kommunikationsfehler. Mitarbeiter sollen leichter und effektiver Kompetenzen aufbauen, es geht hier nicht um reines Entertainment.

Einige meinen, das Spiel sei zu kompliziert. Das kommt aber von den sehr komplexen Prozessen: Dadurch, dass im Spiel mit vielen Elementen interagiert werden soll, wird auch bewusster, was alles zu machen ist! Oft werden Dinge automatisch gemacht (wie Handgriffe, um Schläuche zu verbinden), aber im Spiel muss man darauf sehr genau achten.

Ansonsten ist immer ein Trainer da, der sich die Lernergebnisse anschauen kann, und diese mit den Mitarbeitern bespricht.

Hat es (im Test in Singapur) echte Folgen für den Mitarbeiter, wenn er im Spiel „versagt“?

Konkrete Folgen hat ein Versagen im Spiel keine, außer dass der Mitarbeiter dann eben weiß, was er falsch gemacht hat. Eventuell kann dann eben mit solchen Mitarbeitern wieder ein persönliches Training im Simulationsraum stattfinden. Aber bisher reicht es, die Online-Simulation wieder einige Male durchzuspielen, auch weil unterschiedliche Fälle damit abgedeckt werden.

Ist es nicht sehr belastend, im Spiel zu verlieren (das Kind also stirbt), da das Spiel so realistisch ist? Wie gehen die Mitarbeiter damit um?

Die Mitarbeiter gehen sehr gut damit um, denn sie verstehen gleich, dass dies konkrete Fehler vermeiden kann! Ein Todesfall im Spiel erinnert dann gleich sehr konkret daran, was man anders machen sollte: andere Fragen stellen, andere Instrumente benutzen, andere Reihenfolge einhalten…

Gibt es Planungen, das Spiel durch Augmented-Reality-Elemente zu ergänzen? Es kann ja bereits mit der VR-Brille gespielt werden, aber man könnte vielleicht zusätzlich eine Puppe und echte Geräte einsetzen, ist das denkbar?

Es ist technisch durchaus denkbar, aber nicht nützlich: Das Spiel wurde mit Absicht online entwickelt und wird so benutzt. Es muss so billig sein wie möglich und auch überall benutzbar sein, sprich auch zu Hause. Wenn man mit Puppen, Brillen und ähnlichem arbeitet, dann steigen die Kosten, und es ist dann auch weniger flexibel einsetzbar.

Die VR-Version haben wir entwickelt, damit man ein paar “immersive” Stationen haben kann, oder eben bei einer Messe mal etwas anderes zeigen kann, das für zufällig vorbeikommende Besucher vielleicht spannender ist. Aber wenn man solche Trainings erstellt, muss man immer sehr genau darauf achten, wie viele Leute trainiert werden sollen (2.300 in diesem Fall), wo die Trainings stattfinden sollen (überall – auch zu Hause), wann (in der Freizeit!), und so weiter.